50 Jahre Rauenstein
Ein Bericht aus "die schwarzburg" von 1969
Von Dr. P. Dittrich (No, Rau) / H. Wapler (Rau, No, Fa, Ofr, Se)
Gründung und Geschichte der SBV "Rauenstein" an der TH in Dresden
I. Die Gründung und der erste Aufbau der Verbindung
Dresden ein Name wie aus vergangener Zeit. Genialer Schöpfergeist zauberte vor einem Vierteljahrtausend in den sonnigen Talkessel am grünen Ufer der Elbe eine ganze Welt edelsten Barocks. Prachtvolle Kirchen, prunkvolle Schlösser und märchenhafte Gärten. Werke von unvergleichlicher Schönheit. Wie für die Ewigkeit gebaut
Im Oktober 1969 werden es fünfzig Jahre, daß in dieser Stadt - oft Elbflorenz genannt - eine Schwarzburgverbindung gegründet wurde. Sie entstand dank der Initiative einer sehr rührigen SB-Altherrenschaft in Dresden und Umgebung.
Durch Anschlag am schwarzen Brett der alten TH - rund ein Jahr nach dem ersten Weltkrieg 1914/18 - wurde mit der Unterschrift von Conphilister Studienrat Dr. Paul Dittrich (Nordalbingia), Kreuzgymnasium, der heute noch in Berlin-Wilmersdorf im wohlverdienten Ruhestand lebt, der Vorschlag zur Neugründung einer SB-Verbindung an der TH gemacht und zu einer Gründungsversammlung eingeladen.
Am 9. Oktober 1919 wurde dann unter zahlreicher Teilnahme von vielen Conphilistern verschiedener SB-Verbindungen aus Dresden und Umgebung und von aktiven Studenten der TH im Hotel Hoeritsch am Hauptbahnhof die neue SB-Verbindung gegründet.
Durch Wahl wurde stud. ing. Heinz Wapler (3. Semester) zum Gründungs-X sowie die Conchargen u. a. stud. ing. Reeno Schomerus zum XX gewählt. Beide sind noch heute nach Erreichung leitender Berufsstellungen aktiv im AHV Rauenstein und im SB tätig.
Conphilister Dr. Dittrich gab dankenswerterweise in seiner Privatwohnung (SB-Ecke) den ersten Fuxenstunden-Unterricht. Viele liebe Ur-Rauensteiner aus der Gründungszeit sind heute leider nicht mehr am Leben oder zwischenzeitlich ausgetreten. Der Verstorbenen gedenken wir in Ehren.
Die Aufstellung der Satzungen, die Namensgebung „Rauenstein" Vorschlag von Conphilister Jochen Sievers - nach einem Felsen in der Sächsischen Schweiz (gegenüber der Bastei), Wappen, die Wahl der Verbindungsfarben - schwarz-gold auf grünem Grunde - zum Unterschied zur Herminonia in München, der offizielle Antrag der Verbindung an den Senat der TH usw. waren wichtige erste organisatorische Aufgaben. Ferner wurden die Auswahl des Wahlspruchs „Ernstes Schaffen - wahre Freude", die Suche nach dem ersten Tagungslokal Viktoriahaus in der Prager Straße, die Keilarbeit, der Antrag an den SB-Bundesvorstand um Aufnahme in den SB als Grundlage für das Verbindungsleben durchgeführt. Die Aufnahme in den SB erfolgte zunächst als Freundschaftsverbindung und auf der nächsten SBT in Schwarzburg einstimmig als vollgültige, stimmberechtigte SB-Verbindung.
Bei der Neugründung des Rauenstein waren an der TH Dresden zahlreiche Verbindungen anderer akademischer Verbände bereits vertreten.
II. Die Gestaltung des Hochschullebeiu als Voraussetzung für das Studium; die Sozialelnrichtungcn; die Inflation
Der erste Weltkrieg hatte sowohl in den Reihen der deutschen Studentenschaft, der Assistenten und Professoren durch Tod an der Front, Verwundung oder Gefangenschaft ernste Lücken gerissen. Auch viele SBer sind auf dem Felde der Ehre gefallen.
Die negativen politischen Auswirkungen der Nachkriegszeit Revolution, Abdankung des Kaisers und der Könige, der Eingriff der Siegermächte, das Darniederliegen der Wirtschaft in Verbindung mit Arbeitslosigkeit und Inflation hemmten den Wiederaufbau des Staatsganzen und eines planmäßigen Hochschullebens. Studenten in militärischer Ausrüstung, darunter auch Rauensteiner, wurden zum zeitweiligen Schutz der neuen TH als Wachdienst in den Kellergängen (gegenüber dem Gefängnis) eingesetzt und gaben so ein Bild der nationalen Haltung der Studentenschaft.
Für die aus dem Kriege oder aus der Gefangenschaft zurückkehrenden Studenten wurden unter Kürzung der Semesterferien sogenannte Trisemester eingerichtet, die an Professoren und Studenten hohe Anforderungen stellten. Dadurch sollte für die Studierenden ein gewisser Zeitausgleich für die verlorengegangene Studienzeit geschaffen, werden;
Allgemein gaben die Studienpläne der Hochschule für die einzelnen Fakultäten wertvolle Hinweise für den Besuch und zeitlichen Aufbau der obligatorischen Kollegs und Übungen. Freiwillig konnte jeder weitere Vorlesungen belegen. Die sozialen Selbsthilfeeinrichtungen der TH von der Mensa, dem Asta bis zum Friseur wurden in den damaligen Nachkriegsjahren mit Erfolg geschaffen. Der Tiefstand der Inflation mit 1 Billion = 1 RM wurde im Jahre 1923 erreicht, so daß fast alle Studenten, auch wir Rauensteiner, ernsthaft versuchen mußten, während des Studiums bzw. der Semesterferien noch nebenbei zu verdienen, um über die Runden zu kommen. Bei der inzwischen angestiegenen Arbeitslosigkeit war es vielen Studenten nach Abschluß des nicht leichten Studiums als Diplom-Ingenieur nicht einfach, eine passende Stellung zu finden.
III. Das Interne Verbindungsleben des Rauenstein, die Auflösung der Verbindung im Dritten Reich, der zweite Weltkrieg, die Neugründung des SB und des Altherrenvereins des Rauenstein
Bewußt sind rückschauend die Kapitel I und II vorgeschaltet, um historisch betrachtet zu ermessen, unter welchen äußeren Gesamtbedingungen das Verbindungsleben neben dem Studium durchgeführt werden mußte. Der innere und frohe Zusammenhalt der Farbenbrüder untereinander, der Kontakt innerhalb der Leibfamilien, die Wahl von Biernamen, die sich bis heute erhalten haben, die Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Philistertum nebst Damen sowie die Gestaltung der verschiedenartigen Verbindungsveranstaltungen waren schön und harmonisch. Zahlenmäßig war unsere Verbindung nicht sehr groß, was mit den Gesamtumständen und der Eigenart der Satzungen unseres SB zusammenhängt.
Die großen SB-Tagungen in Schwarzburg wurden regelmäßig und gern besucht und der gegenseitige Besuch des Rauenstein mit anderen SB-Verbindungen sehr gefördert. Die Bergwanderungen zu unserem lieben Rauensteinfelsen in der Sächsischen Schweiz zu den Wochenenden oder als Exbummel werden jedem, der sie miterlebt hat, in lieber Erinnerung sein. Einige Besonderheiten des Verbindungslebens nach außen und innen seien kurz erwähnt:
Auf Anregung und unter Betreuung des Rauenstein (veröffentlicht im „Dresdner Anzeiger* vom 8. Februar 1923) wurde ein Nagel-Gedenkstock im Vestibül der „Alten Technischen Hochschule" am Bismarckplatz mit Genehmigung des Senats aufgestellt und in einer Feierstunde unter Beteiligung aller anderen Korporationen eingeweiht Der Gedenkstock und der Erlös der Nagelung (kostenpflichtig), an der Professoren, Assistenten, Studenten und besonders auch Außenstehende zahlreich teilgenommen haben, diente gleich wie an anderen Orten dazu, die Not unserer Brüder im Ruhrgebiet zu lindern und entsprach der sozialen Grundhaltung des Schwarzburgbundes.
Es wurden in Verbindung mit Fabrikbesichtigungen Meister, Gesellen und andere Arbeitnehmer zu Diskussionen bzw. Kneipen eingeladen in der guten Absicht, die Spannungen zwischen den Gesellschaftsschichten zu mindern.
Ein besonderes gesellschaftliches Großereignis der Verbindung war ein Festball mit Essen im Hotel „Bristol* am Bismarckplatz. Der Einladende war - in enger Verbindung mit der Korporalion - unser Farbenbruder von Thlele-Layser als Besitzer eines Sägewerkes In der Tschechei. Ihm war sein tschechischer Adelstitel nach Verlust wahrend des Krieges neu zuerkannt worden.
Die Verbindungslokale wurden im Laufe der Zeit mehrfach gewechselt Es wurde auch, wie damals allgemein Üblich, chargiert, und zwar in den ersten Nachkriegssemestern mit Frack, Cerevis und Schärpen, während später dank der Unterstützung der alten Herren und ihrer Gattinnen Vollwichs und eine Fahne der Korporation überreicht wurden. Zu den gemütlichen und gehaltvollen allmonatlichen Philisterabenden in den einzelnen Familien wurden jeweils einige Aktive mit eingeladen. Zu den anderen Verbindungen an derTH bestand ein loses, teils freundschaftliches Verhältnis.
Im Mai 1923 beendete Farbenbruder Heinz Wapler als Diplom-Ingenieur sein Studium an der TH und ging beruflich nach Leipzig zur Oberpostdirektion. Dort wurde er von dem AHV und der Aktivitas der Nordalbingia, die damals Vorort war, für die schwierigen Jahre 1924 und 1925 zum Bundes-X gewählt.
Gleichwie die anderen SB-Verbindungen hat auch der Rauenstein seine Existenz als Korporation bis zum Beginn des Dritten Reiches aufrechterhalten, bis sich der SB ebenso wie die anderen Verbände notgedrungen selbst auflöste.
Der zweite Weltkrieg 1939/1945 hat dann vom Rauenstein weitere Blutopfer gefordert, derer wir in Ehren gedenken. Ebenso gedenken wir der, lieben Farbenbrüder in West und Ost, die in der Nachkriegszeit verstarben - z. B. Ernst Emmelmann, Erich Heller, Karl Weigelt, Walter Krummbiegel, Carl Dankwart.
Bei der Neugründung eines Arbeitskreises des SB in Bonn im Jahre 1948 unter Vorsitz unseres verehrten Dr. Petri war Conphilister Wapler mit zugegen. So entstand aus kleinen Anfängen dank der ehrenamtlichen Arbeit zahlreicher Conphilister wieder ein neuer SB, der getragen wird von den beiden Säulen Altherrenschaft und Aktivitas der westlichen SB-Verbindungen. Infolge der Trennung unseres lieben Vaterlandes konnten zehn SB-Verbindungen an den mlttel- oder ostdeutschen Hochschulen - so auch der Rauenstein - nicht wieder gegründet werden. Unserem lieben verstorbenen Conphilister Dr. Peiseler, Remscheid, ist es zu danken, daß er die Anschriften von den Farbenbrüdern der Nordalbingia und des Rauenstein In regem Schriftwechsel aus West und Ost ermittelte und so zur Neugründung eines AHV Nordalbingla-Rauenstein beitrug. Auf der SBT in Rüdesheim wurde freundschaftlich vereinbart, zukünftig wieder je einen AHV Nordalbingia und AHV Rauenstein zu führen und die Betreuung ihrer Mitglieder einschließlich ihrer Witwen zu übernehmen. Den Vorsitz im AHV Rauenstein führt bis zum heutigen Tage Conphilister Wapler, unter dessen Federführung auch die soziale Paketaktion, für die Farbenbrüder und deren Witwen im anderen Teil Deutschlands durchgeführt wird.
Auf Vorschlag von Conphilister Dr. med. Siebert sind zur Zeit Erörterungen im Gange, die zehn vertagten Ostverbindungin des SB zu einer Fördergemeinschaft des SB zusammenzuschließen. Dadurch soll neben der Wahrung der Tradition auch die evtl. Neugründung einer SB-Verbindung an einer der neuen Universitäten gefördert werden. Unser Farbenbruder Oberstudienrat Rottmann in Bad Hersfeld ist seit langem dem Bundesvorstand bei den Vorbereitungen der SB-Tagungen behilflich, gleichwie Farbenbruder Scheel die Wikingia tatkräftig fördert So ist die relativ klein« SB-Verbindung Rauenstein und ihre Altherrenschaft getreu den Grundsätzen des SB sowie im Interesse des freundschaftlichen Zusammenhaltens der Farbenbrüder in West und Ost im Laufe ihrer fünfzigjährigen Geschichte in einer bewegten Zeit Deutschlands mit Erfolg bemüht gewesen, in Ehren ihre Pflichten und Aufgaben zu erfüllen.
Quelle: „die Schwarzburg“ Nr. 4/5, 1969, S. 127 – 130
| << 100 Jahre Nordalbingia | zurück zu Geschichte | Constitution von 1870 >> |
Seitenanfang


