100 Jahre Nordalbingia
Ein Bericht aus "die schwarzburg" von 1970
von Dr. phiL Paul Dlttrich (No 00, Rau 19/20):
Am 28. Juni 1970 jährt es sich zum hundertsten Male, daß die Schwarzburgverbindung Nordalbingia zu Leipzig ins Leben gerufen wurde. Nach schwierigem Anfang und Überwindung mancher Hindernisse war sie in 65 Jahren aktiven Lebens zu einer stattlichen Gemeinschaft herangewachsen. Die Unduldsamkeit politischer Herrscher hat ihr zwar seit 35 Jahren eine eigene Aktiva versagt. Dessen ungeachtet besteht der Zusammenhalt ihres Philisteriums bis heute fort. Es ist nur natürlich, daß dessen Reihen in 35 Jahren ohne nennenswerten Neuzugang sich erheblich gelichtet haben. Gleichwohl sind es immer noch 83 Philister, die an dieser Gemeinschaft festhalten. Das durch die Bundesbrüderlichkeit vermittelte Gemeinschaftsgefühl erweist sich stärker als viele andere Bindungen, stärker auch als die Herrschaftssysteme, welche die Nordalbingia in dieser Zeit über sich ergehen lassen mußte. Der äußere Werdegang dieser Schwarzburgverbindung soll im folgenden aufgezeigt werden.
Im März 1870 brachten beim Stiftungsfest der Uttenruthia mehrere Rostocker Philister den Antrag ein, in Leipzig eine Kartell-Verbindung zu gründen. Vertreter der Tuisconia unterstützten den Antrag. Wahrend dann freilich die Mecklenburger auf. sich warten ließen, wurde in einem kleinen Kreis sächsischer Studenten (überwiegend Theologen, besonders Egbert Göhler t 1910); die sich im Kolleg kennengelernt hatten, der gleiche Gedanke erörtert, da sich dem seit 1865 bestehenden Wingolf nur wenige Sachsen anschlossen.
So konstituierte sich am 29. Juni 1870 die Verbindung mit 12 Gründern (5Sachsen, 5 Uttenreuther, 1 Tulskone, 1 Mecklenburger). Am 9. Juli bestätigte das Universltätsgericht die Statuten. Vorgeschlagen und angenommen; wurde der alte sächsische Stammesname der Nordalbinger; das Blau-Gold des Leipziger Stadtwappens wurde mit den Farben der Uttenruthia zum Blau-Gold-Schwarz verschmolzen. Aus der „Wacht am Rhein“, die damals durch ganz Deutschland erklang, entnahm man den Wahlspruch „Fest und treu“. Ebenso trat zu der Bezelchnung „chrlstlich“ (die man als fertiges „Prinzip“ von der Uttenruthia übernahm - nicht so sehr als treibende Kraft des Verbindungslebens wie dort, sondern eher, als ein schützendes Gehege für ein sittlich-tüchtiges und harmlos-fröhliches Studentenleben) aus der Begeisterung jenes Kriegsjahres noch der Zusatz „deutsch“. Das Wappen der Verbindung trug links oben drei goldene Sterne auf blauem Grund, darunter den Löwen aus dem Leipziger Stadtwappen, rechts oben auf rotem Grund das, weiße Sachsenroß, darunter auf blauem Feld einen Adler, der der Sonne zufliegt.
Besonders herzlich gestaltete sich das Verhältnis zur benachbarten Tulskonia. Mit Sorgen freilich begann das 2. Semester. Der Krieg entzog der Jungen Verbindung alsbald 9 Aktive, aber mutig legte man trotzdem am 17. Dezember öffentlich Farben an. Es war ja überhaupt - um das verallgemeinernd vorauszuschicken – nicht leicht, in Leipzig Fuß zu fassen. Die Nordalbingia hat Zelt Ihres Bestehens mit dem Problem der Großstadt-Universität zu kämpfen gehabt, das Ja mehr oder weniger allen Korporationen abträglich wirkt und vom einzelnen viel mehr Opfer verlangt, damit aus dem Gemeinschaftsleben eine Lebenensgemeinschaft werde. Zuweilen hatte in den kommenden Jahrzehnten das Verbindungsleben wegen der geringen Aktivenzahl mehr den Charakter einer kleinen Familie als den einer Verbindung, aber das Festbalten an den Grundgedanken half doch immer wieder darüber hinweg. Schon wegen seiner geographischen Lage bedeutete Leipzig für viel« Studenten nur ein kurzes Verweilen für ein bis zwei Semester. Eine einheimische sächsische Bodenständigkeit hat sich höchstens im Philistertum späterer Jahrzehnte gebildet. So war die Geschichte der Nordalbingia nicht denkbar ohne das Mehrbänder-System. Mehr als einmal half nur der Eintritt zahlreicher Bundesbrüder über einen Tiefstand des Bestehens hinweg.
Doch zurüde zu den Anfängen. Nach der allgemeinen Sieges- und Einheitsbegeisterung erwies sich die Verbindung im SS. 1871 mit 24 Aktiven als durchaus tebenskräftig. Am 26. Juli 1871, beim 15. Stiftungsfest der Tulskonia, wurde das freudig ersehnte Ziel eines Dreibunds U.-Tu.-No. erreicht Innere Krisen blieben natürlich nicht aus, stärkten aber auch den Zusammenschluß der Treugebliebenen. Nie hat man es sich in Leipzig leicht gemacht in der Auseinandersetzung um sittliche Grundfragen und deren Wahrung durch die eigenen Mitglieder.
Mit den Hallensern wurde die erste Schkeuditzer Convention begründet Wissenschaftliche Abende waren zunächst nur von kurzer Dauert Weihnachtsversteigerungen fanden anfangs noch zugunsten armer Kinder statt. Es gab Schlittenfahrten nach Connewitz. Die Historiographen wissen zu berichten von Anonymus und Spitzkrug, von Bummeln und Ezkneipen - vieles in enger Anlehnung an Uttenreuther Gebräuche.
Die Resonanz bei der Hochschule blieb nicht aus: Der Junge Dr. Adolf Hamack verkehrte bei der Verbindung, feierte mit Ihr (in seiner alten Dorpater Livonier-Couleur) den Landesvater, Prof. Luthardt und verschiedene junge Privatdozenten standen ihr freundschaftlich nahe (später Hauck, Gregory, Sudboff).
Folgende Zahlen liegen vor: Bis zum 10. Stiftungsfett war die Mitgliederzahl auf 80 angewachsen, bis 1888 auf 167, bis 1907 auf 306 (ein Verzeichnis von 1926 nennt 318 Philister und 30 Aktive), 15 Aktive und Inaktive, Ober 20 Philister nahmen am 1. Weltkrieg teil 1897 wurde ein Philisterverein gegründet.
Ein Häuflein Nordalbinger half 1884 bei der Gründung der Sedlnla und bereitete den. Vierbund mit Greifswald 1885 vor.
Nach 1905 fand die 1. Wittenberger Convention statt mit Tuiskonla und Salingla, an denen später auch Alemannia-Jena, Lietzenburg und Rauenstein teilnahmen. Nach der Gründung der Alemannia-Jena (1909) trat dazu die Rudelsburg-Convention.
Wechselhaft - bald lose, bald enger - blieb das Verhältnis zum Wingolf erst nach 1930 bahnte sich ein „Evangelischer Studenten-Ring" an, ein Zusammenschluß nichtschlagender Verbindungen wurde erwogen.
Die Internen Veranstaltungen spielten sich im üblichen Rahmen ab: Stiftungsfest mit Kommers und Landesvater, Stechkahnpartie auf der alten, lieben Pleisse nach Cönnewttz und die für Leipzig typische Gosenkneipe in Eutritzsch. Mit großer Begeisterung wurde immer wieder der Fuxenbummel inszeniert. Versuche mit Vortrags- und.Leseabenden, Sonntagsbummel, Turnen, Fechten, Schwimmen waren stets abhängig von Zahl und Regsamkeil der jeweils Aktiven.
Überflüssig tu erwähnen, daß das Mützenformat im Lauf der Jahrzehnte mehrfach wechselte, da8 sogar eine Zeitlang ein teurer Eichenkranz in der Perkussion getragen wurde.
Bis 1907 war das Gemeinschaftsleben gehemmt durch ein ewiges. Wandern von Kneipe zu Kneipe. Endlich gelang es, einen festen Mittelpunkt für ein gedeihliches Verbindungsleben, zu schaffen: der Philisterverein mietete auf dem Grlmmalschen Steinwag Nr. 8 eine Etage mit Kneip- und Conventszimmer. Noch größer war die Freude, als.zum 40, Stiftungsfest - ein Jahr nach dem 500jährigen Universitätsubiläum - in der Karlstraße 3 ein „Haus“ gemietet werden konnte, das mit einem Restchen Romantik, außen in einer Art gotischen Stils erbaut, in einem holzgetäfelten Kneipsaal eine reiche Stimmungsskala entfalten konnte. Ein „Fuxenstall“ im Keller diente als Mtttagstisch.
Nach 1910 gab die Verbindung, manchen praktischen Beitrag zur studentischen Sozialarbeit, mehrere Farbenbrüder beteiligten sich an Arbeiter-Unterrichtskursen. 1911 war die Nordalbingla nach der Auflösung der Leipziger Freien Studentenschaft maßgeblich an der Begründung eines „Allgemeinen Studenten-Ausschusses“ beteiligt und fand damit' die besondere Anerkennung des damaligen Rektors Lamprecht. Einmal war auch der Dichter Caesar Fleischten Gast auf der Kneipe.
Während des 1. Weltkrieges mußte das Haus wieder aufgegeben und die Möbel mußten eingestellt werden. Nach dem Friedensschluß fing. man wieder klein an: erst In.der Süd-, dann in der Sidonienstraße in gemieteten Kneipräumen. Vier Jahre lang hatte der Verbindungsbetrieb völlig geruht, dann begannen heimgekehrte Kriegsteilnehmer wieder bescheiden. Zum 50. Stiftungsfest waren trotz der Ungunst der Zeit. 32 Philister erschienen.
Aber dann brachte die Ausdehnung des Bundes einen erfreulichen Aufschwung. Bezeichnend für die 20er Jahre ist die Entstehung eines Leipziger Orts- und eines sächsischen Stammphilisteriums. Einladungen der Aktivität in gastliche Pfarr- und Philisterhäuser zeigen die treue Anhänglichkeit dieser Philister am Leben der Verbindung. Neben dem Philisterverein gründet sich ein „Verein alter Nordalbinger“, dem es in unermüdlicher Fürsorge gelingt, der Verbindung zum 60. Stiftungsfest ein Haus zu kaufen (Kreuzstr. 1 c), das im 3. Stock die erforderlichen Räume bot, wozu später im Gartenhaus noch mehrere Buden für 6 Aktive eingerichtet wurden. Im Beisein Von 51 Nordalblngia-Philistern konnte am 13. Juli 1930 das neue Heim eingeweiht werden.
Doch schon warfen neue, folgenschwere Ereignisse ihres Schatten, voraus. In den Semesterberichten tauchen Vorträge auf über den „großdeutschen Gedanken“, über die Geschichte des Judentums, über Grenzlandfragen. Man liest Schlagworte wie Wehrsport, Arbeitsdienst, Kleinkaliberschießen, studentischer Kampfbund Deutscher Christen und Ähnliches. Geklagt wird über die prinzipielle Verbindungsfeindlichkeit vieler Muli.
1933 muß der Stiftungsfestkonvent einstimmig den Eintritt der Aktivität In die SA beschließen. Niemanden kann heute ein Vorwurf daraus gemacht werden daß die Jugend jener Tage in ihrer idealen Begeisterung erfaßt wurde von dem beglückenden Gedanken, „am großen Aufbau Deutschlands in vorderster Front teilhaben zu dürfen“. Der Geist der Arbeltslager, der Kameradschaft erfaßte alle.
Das Heim wurde in ein „Kameradschaftshaus“ umgewandelt, 12 - 24 Betten wurden aufgestellt, auch das Philisterium war zu Opfern bereit - wer hätte, damals etwas geahnt von der Hybris, aus der das alles entstand?
Am Ende des WS 1935 vertagte sich der Rauenstein als selbständige Verbindung und gliederte sich mit seinem gesamten Philisterium der Nordalbingia ein.
Schon bald kam die Ernüchterung. Der Schwarzburgbund war stark und stolz genug, sich lieber aufzulösen als sich gleichschalten zu lassen, und so wurde auch - nach einem wechselvollen, aber für alle, die je daran teilhatten, unvergesslichen Miterleben - nach einem 65jährigen Dasein die aktive Nordalbingia am 31.12.35 aufgelöst. Das Haus wurde verkauft. Der Philisterverein blieb bestehen, die „Treue zu den alten Farben lebt weiter. Die Hamburger SB-Verbindung Schauenburg nahm die Leipziger Tradition in ihre Obhut, solange in Mitteldeutschland jegliches Korporationsleben zu schwelgen hat.
Quelle: „die schwarzburg“ Nr. 2, 1970, S. 44 – 47
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